Zerrissene Zeit

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Man muss den Iran nicht lieben, um zu erkennen, dass die Geschichte dieses Landes seit über 80 Jahren ein einziges Lehrstück über westliche Arroganz, geopolitische Kurzsichtigkeit und das Scheitern von Export-Demokratien ist. Wer heute auf Teheran blickt und nur „Schurkenstaat“ schreit, leidet unter historischer Amnesie.

1941: Die Geburtsstunde des Misstrauens

Die Geschichte der modernen Misere beginnt nicht 1979, sondern 1941. Während die Welt gegen den Faschismus kämpfte, besetzten Briten und Sowjets den neutralen Iran. Warum? Wegen des Öls und der Nachschubwege. Sie setzten den unliebsamen Schah kurzerhand ab und seinen Sohn, Mohammad Reza Pahlavi, auf den Thron. Ein Marionettenspieler-Debüt, das den Keim für alles Kommende legte.

Der Iran war nie ein Akteur auf Augenhöhe, sondern eine Tankstelle mit angeschlossenem Staatsgebiet. Als Mohammad Mossadegh, ein gewählter Säkularer mit Rückgrat, 1951 das iranische Öl verstaatlichen wollte, lernte er die „westlichen Werte“ kennen: Die CIA und der MI6 inszenierten 1953 den Sturz des Mannes, der dem Iran echte Souveränität bringen wollte. Man installierte den Schah als autokratischen Türsteher des Westens.

Die Ära des Hochmuts

Der Schah baute in der Folgezeit ein Regime auf, das zwischen Pariser Haute Couture und den Folterkellern des Geheimdienstes SAVAK schwankte. Während er 1971 in Persepolis die wohl teuerste Party der Weltgeschichte feierte (geschätzte 100 Millionen Dollar), gärte in den Basaren und Moscheen die Wut. Der Westen klatschte Beifall – er sah Stabilität, wo nur Unterdrückung herrschte.

1979 explodierte dieses Pulverfass. Die Islamische Revolution war kein Unfall, sie war die logische Konsequenz aus 25 Jahren fremdbestimmter Diktatur. Dass die Mullahs das Vakuum füllten, war das bittere Ende einer Entwicklung, in der jede liberale Alternative zuvor vom Schah und seinen westlichen Gönnern im Keim erstickt worden war.

Die unbequeme Frage: Welchen Krieg hat der Iran eigentlich begonnen?

Hier wird es provokant: In der Rhetorik westlicher Think-Tanks gilt der Iran als der Aggressor schlechthin. Doch werfen wir einen Blick auf die harten Fakten der Militärgeschichte seit 1941.

  • 1980: Wer marschierte in wen ein? Es war Saddam Husseins Irak, der den Iran überfiel. Der Westen? Er unterstützte Saddam mit Waffen, Geld und Geheimdienstinformationen – selbst als dieser Giftgas gegen Iraner und Kurden einsetzte.
  • Die letzten 200 Jahre: Der Iran hat in der modernen Geschichte keinen einzigen Angriffskrieg gegen ein souveränes Land gestartet.

Man muss das System der Islamischen Republik zutiefst ablehnen – seine Frauenverachtung, die Hinrichtungen, den Export der Schiitischen Revolution via Milizen wie der Hisbollah oder den Huthi. Aber man sollte intellektuell ehrlich genug sein, um zu unterscheiden: Der Iran agiert heute als „asymmetrischer Störer“ und nutzt Stellvertreterkriege, um eine regionale Vormachtstellung zu sichern, die ihm geografisch und historisch zusteht – zumindest aus seiner Sicht. Es ist eine defensive Aggressivität, geboren aus der ständigen Angst vor dem nächsten „Regime Change“ von außen.

Ein Kreislauf der Gewalt

Seit 1979 befindet sich das Land in einer Belagerungsmentalität. Sanktionen, die vor allem die Zivilbevölkerung treffen, haben das Regime nicht gestürzt, sondern radikalisiert. Das Atomprogramm ist die ultimative Lebensversicherung gegen das Schicksal eines Muammar al-Gaddafi oder Saddam Hussein.

Der Iran von 2026 ist ein Land der Widersprüche: Eine hochgebildete, junge Bevölkerung, die sich nach Freiheit sehnt, regiert von einer alternden Kaste von Klerikern, die den Erhalt ihrer Macht über das Wohlergehen des Volkes stellt. Doch jede Drohung aus Washington oder Tel Aviv festigt die Reihen der Hardliner in Teheran.

Fazit: Wer erntet, was er sät?

Die Geschichte des Iran seit 1941 ist die Geschichte einer verpassten Emanzipation. Wer den Iran heute als „Achse des Bösen“ bezeichnet, sollte sich fragen, wer die Achse geschmiedet hat. Wir haben ein Monster geschaffen, indem wir Demokraten stürzten und Diktatoren stützten, solange der Ölpreis stimmte.

Der Iran hat keinen konventionellen Krieg begonnen, aber er führt einen zermürbenden Schattenkrieg. Das ist nicht zu entschuldigen, aber es ist zu erklären. Solange der Westen nicht bereit ist, die eigene Rolle in diesem Jahrhundertdrama aufzuarbeiten, wird Teheran weiterhin die Rolle des Bösewichts spielen – eine Rolle, die ihm durch Jahrzehnte der Intervention förmlich aufgedrängt wurde.

Quellen:
bpb
NS Archive

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