Ein Trauerspiel in Wulsdorf – und ein Lehrstück für hausgemachte Pleiten
Bremerhaven, 26. Mai 2026. Während Oberbürgermeister Melf Grantz noch vor wenigen Monaten stolz vor Visualisierungen posierte und vom „neuen Herz Wulsdorfs“ schwärmte, ist das Millionenprojekt „Wulsdorfer Mitte“ jetzt offiziell abgestürzt. Die Dieckell-Gruppe steigt aus. Kein Baubeginn, keine neuen Wohnungen, keine Supermärkte – nur eine brachliegende Fläche und enttäuschte Bürger. Das ist kein unglücklicher Zufall. Das ist das Ergebnis von jahrelanger Planungsunfähigkeit, maßloser Selbstüberschätzung und einem fatalen Ping-Pong zwischen Investor und Stadt. Beide Seiten tragen dicke Mitschuld an diesem Desaster.
Dieckells fatale Planungsfehler
Die Dieckell-Gruppe hat sich in den letzten Jahren als seriöser Akteur in Bremerhaven positioniert. Doch beim Projekt Wulsdorfer Mitte hat sie klassische Anfängerfehler gemacht – und diese dann mit hohen Kostensteigerungen gerechtfertigt. Ursprünglich war von rund 50 bis 70 Wohnungen die Rede, einer Tiefgarage und überschaubaren Gewerbeflächen. Dann plötzlich: Über 100 Wohnungen, kein Parkhaus unter der Erde mehr, sondern ein teureres oberirdisches Parkhaus, zusätzliche Gewerbeeinheiten und eine komplett neue Gebäudeanordnung. Diese eigenmächtigen Planänderungen machten eine Anpassung des Bebauungsplans und eine neue Baugenehmigung notwendig. Das hat das Projekt um Jahre verzögert.
Wer die Regeln des Marktes kennt, weiß: Bei steigenden Zinsen, explodierenden Baukosten und Lieferkettenproblemen sind Verzögerungen tödlich. Die Dieckell-Verantwortlichen haben sich hier selbst ins Knie geschossen. Statt das ursprüngliche, machbare Konzept durchzuziehen, haben sie das Projekt immer weiter aufgeblasen – wohl in der Hoffnung auf höhere Rendite. Als die Kosten dann explodierten, zogen sie den Schwanz ein und suchten einen neuen Investor. Das ist legitim, aber auch ein Armutszeugnis.
Die Stadt Bremerhaven – Meister der Versprechungen
Doch Dieckell ist nur die eine Seite der Medaille. Die Stadt Bremerhaven und ihre Verwaltung haben mindestens genauso versagt – wenn nicht sogar mehr.
Die Stadt ist jahrelang in Vorleistung gegangen: Umlegung von Versorgungsleitungen an der Weserstraße, Grundstückskäufe, Abrissmaßnahmen. Alles auf Kosten des Steuerzahlers. Gleichzeitig hat sie es nicht geschafft, die rechtlichen und planerischen Voraussetzungen rechtzeitig und verlässlich zu schaffen. Offene Fragen bei Grundstücksrecht, Bebauungsplan und Genehmigungen zogen sich hin wie Kaugummi. Während Dieckell seine Pläne änderte, stand die Stadt offenbar weitgehend tatenlos daneben oder reagierte viel zu spät. Das ist typisch Bremerhaven: viel PR, wenig Umsetzungskraft.
Prestigeprojekt wird zum PR-Desaster
Oberbürgermeister Melf Grantz hat das Projekt regelrecht als sein Prestigeobjekt vermarktet. Fotos mit Investoren, große Ankündigungen, Symbolpolitik pur. „Es geht voran in Wulsdorf!“ Jetzt steht er da wie ein begossener Pudel. Die Bürger, die auf neue barrierefreie Wohnungen, einen modernen Supermarkt und ein belebtes Zentrum gehofft hatten, fühlen sich verarscht. Und das zu Recht. In einer Stadt mit Wohnungsnot und leerstehenden Ladenzeilen ist das Scheitern eines solchen Quartiersprojekts kein kleiner Rückschlag – es ist ein politisches Versagen.
Besonders provokant: Die Stadt hat offenbar keine klare Exit-Strategie oder Risikoabsicherung in den Verträgen mit Dieckell verankert. Stattdessen wird jetzt wieder das übliche Mantra gefahren: „Wir bedauern die Entscheidung und suchen einen neuen Investor.“ Wie oft haben wir das in Bremerhaven schon gehört?
Ein Mahnmal für Wulsdorf und die ganze Stadt
Das Ergebnis dieses Doppelversagens liegt nun mitten in Wulsdorf: Eine weitere Brache, weitere Frustration bei den Anwohnern und ein Signal an alle potenziellen Investoren: „Kommt nicht nach Bremerhaven, hier wird’s kompliziert und teuer.“
Dabei wäre das Projekt so wichtig gewesen. Wulsdorf braucht ein neues Zentrum. Ältere Menschen brauchen barrierefreie Wohnungen, Familien brauchen Nahversorgung, der Stadtteil braucht Leben statt Leerstand. Stattdessen bekommen die Bürger jetzt wieder nur schöne Renderings und leere Versprechungen.
Die Verantwortlichen bei Dieckell sollten sich fragen, ob sie mit ihren ständigen Planänderungen nicht maßlos übertrieben haben. Die Stadtspitze und die Bauverwaltung müssen sich endlich an die eigene Nase fassen: Warum schafft ihr es nicht, Prozesse zu beschleunigen und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen? Warum wird jedes Projekt zur Hängepartie?
Bremerhaven kann es sich nicht leisten, weiter so dilettantisch mit großen Vorhaben umzugehen. Die Dieckell-Pleite ist mehr als nur ein einzelnes gescheitertes Bauprojekt. Sie ist der Beweis, dass in dieser Stadt sowohl bei manchen Investoren als auch in der Politik und Verwaltung ein gefährliches Maß an Realitätsverweigerung und mangelnder Professionalität herrscht.
Die Bürger von Wulsdorf haben die Schnauze voll von Ankündigungen. Sie wollen endlich Bagger sehen – und keine neuen Ausreden. Ob sich noch ein seriöser Investor findet, der das Desaster aufräumt, bleibt abzuwarten. Bis dahin steht die „Neue Wulsdorfer Mitte“ als Mahnmal: Für das Versagen von Dieckell und für das chronische Versagen der Stadt Bremerhaven.
Dieser Artikel basiert auf öffentlich berichteten Fakten und kritischen Einschätzungen. Die provokante Zuspitzung dient der journalistischen Analyse eines offensichtlichen Politik- und Planungsversagens.
Quellen:
buten un binnen
Stadt Bremerhaven
Da man in Bremerhaven Angst davor hat das der Bürger zu viel weiß, gibt es fast nur Berichte als Abo, deswegen hier nur diese zwei Quellen.
